Was für ein Werk! Was für eine übermenschliche Lebenskraft! Was für ein Vorbild!
Neben seiner herausragenden künstlerischen Eigenschaft als Literat war Walter Kempowski auch Pädagoge im besten Sinne des Wortes, wenn man die „Schule des Lebens“ als ein ständiges Lernen mit heranzieht, weil er in seiner literarischen Sichtweise von den Zusammenhängen geschichtlicher Ereignisse und darüber hinaus, und das hängt unmittelbar damit zusammen, nämlich bei den charakterlichen Fehlbarkeiten des menschlichen Individuums, den Fokus „schulmeisterlich“ auf das Essentielle richtet, ohne dabei mit dem „Rohrstock“ eintrichtern zu wollen, sondern allenfalls mit erhobenem Zeigefinger, unmissverständlich auf die Folgen des Denkens und der daraus unweigerlich entstehenden Handlung hinweist. Sein „Unterricht“ hatte ein Ziel, nämlich den Leser diesbezüglich mündig und selbstbestimmt zum Nachdenken anzuregen. Und dafür danke ich ihm posthum und ich bin glücklich und stolz darüber, diesem außergewöhnlichen Menschen persönlich begegnet zu sein. Walter Kempowski war ein Menschenfreund, weil er zunächst selbstkritisch war. Denn der erste Weg zur Selbsterkenntnis ist die Einsicht und nur wer einsichtig ist, ist fähig, sich und andere zu verstehen und darüber hinaus, aus sich heraus, dem vermeintlich unbedeutenden Kleinen, das große Ganze zu erkennen.
Mit den letzten zwei Zeilen aus Ricarda Huchs Gedicht – Frieden –, „ich ziehe am Stabe hinaus, mein Vaterland zu suchen“, wünsche ich meinem großen Vorbild Walter Kempowski in stillem Andenken, dass Er, nach einem Leben voller innerer Rastlosigkeit, endlich Sein „Vaterland“ gefunden hat, wonach sich, meiner Meinung nach, sein Herz zeitlebens gesehnt hat!